Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Wir gedenken Günter Sare

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Gnter_Sare_Portrt25 Jahre nach dem Mord an Günter Sare in Frankfurt/M.

Es war heute vor 25 Jahren (1985) als die NPD in Frankfurt im Stadtviertel Gallus zu einer Versammlung eingeladen hatte.

Im Haus Gallus.

Dem Ort des Auschwitzprozesses.

Ausgerechnet dort.

Welch eine infame Provokation!

Bis heute kann ich es nicht fassen, dass dies genehmigt wurde.

Nachmittags gab es ein antifaschistisches Bürgerfest in der benachbarten Schule. Gegen Abend war dies beendet.
Inzwischen hatten sich rund 1000 Leute in der Frankenallee gesammelt, um gegen die NPD-Veranstaltung zu demonstrieren und möglichst die Nazis am Zutritt zu dem Gebäude, dem Haus Gallus, zu hindern.
Dies verhinderte natürlich die massenhaft vorhandene Polizei, die alles was technisch möglich war zur damaligen Zeit, aufgeboten hatte. Darunter auch recht neue Wasserwerfer der Bauart Wawe 9 (9000 Liter, 27 Tonnen Gewicht).

Als die ersten Nazis eintrafen wurden sie von der Polizei auf dem Bürgersteig begleitet um ins Haus zu gelangen. Dies konnte von den Demonstranten nicht verhindert werden. Es flogen ein paar Feuerwerkskörper.

Die Polizei wollte uns auseinander treiben. Es kam zu einigen üblen Prügelszenen seitens der Polizei. Schließlich auch zum Einsatz der Wasserwerfer.

Gnter_Sare_im_Wasserstrahl
Günter Sare steht allein im Strahl des Wasserwerfers

Eine Gruppe von 5 bis 7 Leuten wurde von einem Wasserwerfer attackiert. Die Gruppe sprang auseinander. Einer blieb stehen. Wurde mit voller Wucht vom Wasserstrahl getroffen.
Der Wasserwerfer gab Gas, beschleunigte und überfuhr den am Boden liegenden.

Die Bullen schirmten ab. Demosanitäter wurden erstmal nicht ran gelassen. Nach ca. 20 Minuten kamen die „offiziellen“ Sanitäter. Das Opfer, Günter Sare, starb noch am Tatort.

Die Wut war groß. „Mörder! Mörder!“ hallte den Bullen entgegen.
Nach und nach bildete sich eine Demo in Richtung Innenstadt...

Die nächsten Tage waren geprägt von Mahnwachen am Tatort. Demos in der Innenstadt (Die Glaserinnung kriegt heute noch leuchtende Augen!) und schwere Auseinandersetzungen mit den Bullen.

Es waren für mich wieder einmal durchaus „prägende“ Tage. Prägend in der Auffassung von Staat und Herrschaft. Bestärkend in dem Wissen was ich von diesem Staat zu halten habe. Bestärkend auch in dem Wissen wann man welches Mittel gegen diesen Staat einsetzt und wie.

Nach den Kämpfen in Grohnde, Brokdorf, Kalkar... Ende der 70er...
Nach den Hausbesetzungen Anfang der 80er...
Nach den Blendgranaten und Pepperfogs an der Startbahn 81/82...
war der 28.09.1985 und die folgenden Tage ein wesentliches Datum der „vergessenen Jugendrevolte“ nach den 68gern...


Ich habe mal noch ein paar Augenzeugenberichte im Internet heraus gesucht, die vor 5 Jahren veröffentlicht wurden:

„...In vielen deutschen Großstädten löste der Tod Sares in der linken Szene eine enorme Wut aus, es kam in den Tagen darauf zu einer Welle von spontanen Demonstrationen, wie sie die Bundesrepublik bis dato noch nicht erlebt hat. In den meisten Städten ging sehr viel Glas zu Bruch, wurden Banken und sonstige öffentliche Gebäude reihenweise entglast und wo immer die uniformierte Staatsmacht geballt auftrat, wurde sie zur Zielscheibe der kollektiven Wut.“...
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Gnter_Sare_-_Prgelpolizisten...“Der Mord an Günter Sare hat mein Leben nachhaltig beeinflusst.
Als Augenzeuge werde ich das nie vergessen können! Als der Wasserwerfer
Günter überfuhr konnte ich erst nicht glauben, was ich gerade gesehen habe.
Ich stand mit einem Freund etwa 70 Meter von der Kreuzung entfernt, sah wie die beiden Wawes einen einzelnen Menschen beschossen und quälten und plötzlich einer der Wasserwerfer Vollgas gab und Günter überfuhr. Wir liefen daraufhin, wie auch die meisten anderen der DemonstrantInnen, sofort wieder Richtung Kreuzung. Dort wurden wir von hektischen und
aggressiven Bullen empfangen, die versuchten uns dort wegzuprügeln.
Erste „Mörder“ und „deutsche Polizisten-Mörder und Faschisten“ rufe wurden laut.
Eine Mischung aus Wut, Schock, Traurigkeit, Hass und Angst vor den brutalen und aggressiven Bütteln bestimmte die Situation.
Unweit davon fing eine Mercedes-Filiale Feuer.
Wir versuchten eine kleine Spontandemo zu bilden und wurden dabei von den Bullen angegriffen (auch wieder mit Wasserwerfer) aber die Bullen konnten uns nicht hindern. Eine sehr entschlossene, wütende kleine Spontandemo zog in die Stadt, umgeben von Bullen. (die teils lachten und uns provozierten)
Der ruf eines Bullen „ Morgen seid ihr dran!“ liegt mir noch heute im Ohr.
Die Ereignisse der nächsten Tage, die Lügen in der Presse und schließlich die Demo in Frankfurt mit tausenden vermummten die nach etwa 1km entglasen und plündern der Innenstadt, in eine generalstabsmässig vorbereitete Polizeifalle lief, werde ich wohl auch nie vergessen.
Die Bullen griffen uns von allen Seiten gleichzeitig an. Als wir mit einigen Leuten in eine Sackgasse geflüchtet waren, sprangen aus dort abgestellten Post-LKWs Prügelbullen aus der Heckklappe. die Bullen jagten uns und prügelten auf alle ein, die sie erwischen konnten. In einer abenteuerlichen Flucht durch Häuser und Hinterhöfe entkamen wir den sich bildenden Polizeikesseln.
Hubschrauber mit Suchscheinwerfern und Bullenwannen mit absprungbereiten Schlägern suchten die Straßen nach schwarz gekleideten Leuten ab.
Die Wut, die ich damals hatte, kommt beim Erinnern stets wieder hoch.
Günter Sare, das war Mord !!
Der Freispruch für die Mörder, war für mich keine Überraschung, sondern absehbar.
Das System schützt seine Büttel.

Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft!
Der Kampf geht weiter!
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Die Frankfurter Rundschau über den 28.09.1985:

An jenem 28. September 1985 hatten sich im Haus Gallus an der Frankenallee um die 70 Anhänger der rechtsradikalen NPD zu einer politischen Kundgebung versammelt. Ausgerechnet im multikulturellen Gallus! Nachmittags veranstalteten Antifaschisten, NPD-Gegner, Stadtteilparteien und Migrantengruppen gleich nebenan, im Hof der Günderrodeschule, ein deutsch-ausländisches Freundschaftsfest. Rund 700 Menschen feiern friedlich...
...Am Abend schlägt die Stimmung um. Die Polizei spricht von "etwa 400 Militanten", die gegen 19.30 Uhr beginnen, Steine, Flaschen, Beutel mit Buttersäure auf NPD-Anhänger zu werfen, um deren Zugang zum Haus Gallus zu verhindern.Der Wasserwerfer, Typenbezeichnung Wawe 9 IV / 1, Kennzeichen WI - 3026, spritzt mit 15 Atü und ist 26 Tonnen schwer. Er steuert auf mehrere Personen zu, die auseinander stieben. Nur ein Demonstrant bleibt auf der Straße zurück. Der Strahl des Wasserwerfers erfasst ihn. Um 20.52 Uhr überrollt das Gefährt Günter Sare, aufgewachsen im Gallus, 36 Jahre alt, von Beruf Schlosser, im Vorstand des Jugendzentrums Bockenheim, seit 15 Jahren aktiv in der links-autonomen Szene, bei Häuserbesetzungen im Westend und bei Demos gegen den Bau der Startbahn West.

Günter Sare liegt auf dem Asphalt der Straßenkreuzung. Aus seinem Kopf rinnt Blut. Sein Brustkorb ist eingedrückt. Er atmet noch. Der Medizinstudent Michael Wilk, dazu ein Arzt und ein Sanitäter versuchen, an Ort und Stelle Erste Hilfe zu leisten. Wilk beschwert sich unmittelbar danach, umstehende Polizisten hätten keine Scheinwerfer angemacht, obwohl er sie darum gebeten habe. Auch sei der Notarztwagen zu spät eingetroffen...
http://www.f-r.de/uebersicht/alle_serien/regional/frankfurter_geschich...
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...Die Tage nach Sare in Frankfurt waren geprägt von einer, wie ich mich erinnere, ungeheuren geballten Präsenz militanter Autonomer in der Innenstadt und gerade im Bahnhofsviertel, wo am Tag danach nach einer Grossdemo nahezu keine einzige Scheibe mehr heil blieb. Direkt vor dem Hauptbahnhof landeten wir dann in einem großen Bullenkessel, damals die einzige taktische Variante, die die Bullen aufzubieten hatten.
Die nächsten Tage ging es in Frankfurt ebenso weiter, mit reichlich kaputten Schaufensterscheiben, einer ausgiebigen Plünderung der Ladenfront eines Kaufhauses an der Zeil sowie hilflosen Knüppelorgien der Bullen.
Wie der Autor Hxxxxxxx richtiger weise schreibt, war das Besondere, das die Massenmilitanz nicht nur auf Frankfurt beschränkt blieb, sondern auch dutzende andere Großstädte im Bundesgebiet erfasste, so neben den Hochburgen der Bewegung (Berlin, HH, Göttingen) erstaunlicherweise auch Städte wie Stuttgart, wo es ebenfalls nahe des Ratshausmarktes ausgiebig knallte (die einzige richtige "Scherben-Demo" der Stuttgarter Nachkriegszeit).
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Aus einer Grabrede:

Wir wollen Günter Sare nicht für uns vereinnahmen, wir sagen auch nicht, das dass was wir machen, ausschließlich in seinem Sinne wäre - wir sagen nur das eine:
DIE TOTEN HABT IHR NICHT ZU FÜRCHTEN -
ABER WIR LEBEN NOCH ! ! !


Fotos von der Antifa Frankfurt.

Augenzeugenberichte von Indymedia: http://de.indymedia.org/2005/05/118551.shtml

Eine verhältnismäßig umfangreiche Dokumentation gibt es hier:
(Allzu viel Material gibt es nicht. War eben lange vor Medienhype und Internet in unserer jetzigen Zeit... aber ich empfand es intensiver...)


http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/sare-dokumentation.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/sare-aktionsbuendnis.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/titel.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/einleitung.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/ereignisse.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/ereignisse.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/erstehilfe.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/knast.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/Zeugenaussagen.html

http://www.antifa-frankfurt.org/Sare/Doku/beerdigung.html

Presse:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513905.html

7.10.1985
Die Momentaufnahme sieht schlimm aus


http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513886.html

7.10.1985
Feuer und Flamme für diesen Staat

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Die Aussagen in wikipedia sind mit Vorsicht zu genießen. Weder der Vorname ist richtig, noch die Schilderung des Tagesablaufs am 28.09.1985.
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Viel harter Stoff. So war es damals aber einfach...

In diesem Sinne:

Und die da reden vom Vergessen und die da reden vom Verzeihn denen schlage man die Fressen mit schweren Eisenhämmern ein.
(Bertolt Brecht)

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 28. September 2010 um 08:47 Uhr  

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Dass es Rechtsextremismus nicht nur in de realen Welt, sondern auch im Internet gibt, hat nun auch die Amadeu-Antonio-Stifrtung erkannt und unter der Schirmherrschaft von Henning Scherf das Projekt "Generation 50plus aktiv im Netz gegen Nazis" gegründet.
Anders als in ähnlichen Projekten soll älteren Menschen in Workshops nicht einfach nur das Internet näher gebracht sondern zugleich über die aktuellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus aufgeklärt werden.

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