Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Die Linke und ihr Antisemitismus

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Die Affäre um ein antisemitische Flugblatt, dass lange Zeit unbemerkt auf der Webseite der Linken Duisburg zum Download stand, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des politischen Bewusstseins bei Teilen der Linken in diesem Land.

 

 

Ein Artikel bei den Ruhrbaronen (einem freien Netzwerk von Bloggern und Journalisten aus dem Ruhrgebiet) vom 27. April 2011 war der Auslöser der Affäre.

Das Flugblatt, um das es geht, ist kurz nach Erscheinen des Artikels vom Server der "Linken Duisburg" gelöscht worden, stand dort aber als Informationsmaterial zum Nahost-Konflikt über Monate unbehelligt und scheinbar unbemerkt zum Download zur Verfügung.

In einer Stellungnahme vom 29. April heißt es: „Aufgrund unserer Initiative wurde uns gestern vom Provider die IP-Adresse mitgeteilt, von der das Flugblatt am 31. Januar 2011 gegen 20 Uhr auf die Internetseite des Kreisverbandes hochgeladen wurde. Wir haben heute Strafanzeige gestellt und gehen davon aus, dass mit Hilfe der IP-Adresse ermittelt werden kann, wer das Flugblatt ins Netz gesetzt hat.“.

 

Die Machart des Flugblatts ist typisch für die Verquickung einer extrem einseitigen "Isralkritik", Antizionismus und  Antisemitismus. Nach einer kurzen Eröffnung mit einigen pazifistischen Phrasen zum Irak-Krieg wird sogleich der allein Schuldige am imperialistischen Kriegstreiben festgemacht: Israel und niemand sonst. Die eigentlich nahe liegende Rolle der USA wird gleich zu Anfang schon ausgeblendet durch ein Ariel Sharon zugeschriebenes Zitat, in dem die USA als Marionette Israels erscheint.

Es folgen Aufrufe zum Israel-Boykott und direkt darauf  geheimnisvolle Hinweise die "wahren Hintergründe des Judaismus", verbunden mit einem Link auf altbekannte Sammlungen falscher Talmud-Zitate, gefolgt von einem Link zu einem  Text mit dem Titel "Die verbotene Wahrheit" , der eine Holocaust-Leugnung enthält und auch in "Sozialen Netzwerken" immer wieder herum gereicht wird.

Bemerkenswert ist die abschliessende Liste von Forderungen auf der letzten Seite (in Auszügen):

  • Kauft keine Produkte aus Israel
  • Schluß mit der sklavischen Unterstützung der israelischen Politik durch die BRD!
    [In diesem Absatz ist auch die Rede von der "jüdischen Presse", der angeblich vertraglich vorgeschriebenen philosemitischen Berichterstattung des Spiegel usw.]
  • Boykottiert Firmen, die Israel unterstützen!
  • Informiert euch über die wahren Hintergründe des Judaismus! z.B. hier: ...
    [Der üblich Talmud-Zitate Unfug, der  nach über 100 Jahren immer noch funktioniert.]
  • Tretet der moralischen Erpressung durch den sogenannten Holocaust entgegen! Wahrheit macht Frei ! Siehe auch: ...
    [Holocaust-Leugnung]
  • Klebt fleißig "Boycott Israel!" Aufkleber


Diese Aufzählung ist sicher beispielhaft dafür, wie eine vordergründig nur "israel-kritische" Haltung nathlos übergeht in blanken Antisemitismus -- und sich am Ende  wieder hinter der Maske des "Antizionismus" versteckt.

Das Dokument war verlinkt in einer mittlerweile gesäuberten Veranstaltungs-und Material-Liste der Jugendorganisation der Partei "Die Linke" (Linksjugend, ['solid]), die aber im google-cache immer noch abrufbar ist. Der Eintrag in diesem Kalender ist nicht datiert, dürfte aber mindestens ein Jahr alt sein und besteht aus den ersten Sätzen des verlinkten antisemitischen Pamphlets.

In diesem Kalender (s. screenshot hier) findet sich direkt über dieser schlecht als Antizionismus/Israel-Kritik verkleideten antisemitischen Hetze auch ein  Veranstaltungshinweis zu Sarrazin ("Kein Sex mit Sarrazin", "Sarrazin halt's Maul"), in dem es heißt:

"Sarrazins Thesen sind rassistisch, weil er bestimmten Kulturen unveränderliche Eigenschaften zuschreibt"

 

 

Der Widerspruch könnte krasser nicht sein, hier der Rassismus-Vorwurf in Richtung Sarrazin und dort das antisemitische Pamphlet, das man sich direkt davor noch zueigen gemacht hat.  Es ist gerade dieses selbstverständliche, beiläufige Nebeneinander dieses himmelschreinden Widerspruchs, was die völlige Abstumpfung jedes kritischen politischen Bewusstseins in einer Linken schmerzhaft vor Augen führt, die noch nicht mal imstande ist, ihn überhaupt zu realisieren. Denn was man als rassistisches Schema richtig bei Sarrazin identifiziert ist das Gleiche, was den zuror noch unkritisch konsumierten, für das linke Klientel antizionistisch und antiimperialistisch aufbereiteten Antisemitismus nicht weniger ausmacht.

Man muss sich schon ernsthaft fragen, wie verzerrt die Wahrnehmung so mancher "Linker" hier geworden ist oder immer schon war. Es ist vielleicht schon die einseitig undifferenzierte Verortung von Freund und Feind, Gut und Böse in extrem simplifizierten Schemata, die solche grotesken Verbrüderungen mit erzreaktionären Kräften wie eben der extremistischen Variante des Islamismus, die auf "Radio Islam" gepredigt wird (s.u.), möglich macht. Um die Querfront gegen den gemeinsamen Feind Israel/USA zu rechtfertigen, reicht es dann schon aus, dass diese sich vordergründig anti-imperialistisch geben. Dabei wird unkritisch alles konsumiert, was damit einher geht, das Gift des Antisemitismus, die immer gleichen Ressentiments und die selben Stereotypen, die seit hunderten von Jahren im Wesentlichen die gleichen geblieben sind.

Der völlige Mangel an Kritikfähigkeit geht zusammen mit einer Haltung, die den Vorwurf des Antisemitismus auf der linken Seite kategorisch von sich weist, der stereotyp auf die rechtsradikale Seite projiziert wird. Darüber findet eine inhaltliche Reflexion der eigenen Standpunkte und Selbstkritik nicht mehr statt, man wähnt sich per politischer Gesinnung oder Parteibuch auf der richtigen Seite der Geschichte und damit hat es sich. Wir sind links und antifaschistisch, also sind wir nicht antisemitisch, also kann linker Antisemitismus nicht unsere Angelegenheit sein. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Natürlich wird diese Meldung sofort benutzt werden, um zum Bashing auf die sozialistische Linke im Allgemeinen und der gleichnamigen Partei im Besonderen aus zu holen. Es ist zu befürchten, dass das nur die gewohnten Abwehrreflexe hervor rufen wird, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesem Geschehen auf Seiten der Linken blockieren werden.

Man sollte sich aber - gerade als Linker - um so mehr wünschen und darauf hin wirken, dass über diesen Vorfall am Ende vielleicht doch eine ernsthafte Auseinandersetzung im politischen Spektrum links der Mitte über das zu lange verdrängte Erbe des spezifisch linken Antisemitismus einsetzen wird. Dieser Antisemitismus hat Tradition, er ist nichts Neues, genau so wenig wie Antisemitismus je eine exklusive Angelegenheit der "Rechten" allein war.

 

 


Die Urheberschaft des Flugblatts ist wohl im Umfeld von "Radio Islam" zu suchen, von deren Webseite es stammt. Verantwortlich für die Inhalte dort ist Ahmed Rami, ein Marokkaner im schwedischen Exil, der auf ein Bündnis zwischen Islamisten und Rechtsextremen hinarbeitet. Von Rami stammt folgendes Zitat:

"Aufruf an die französischen Muslime: Wählt Le Pen!. .. Frankreich wird nicht von echten Franzosen geführt, sondern von den Lakaien der zionistischen Internationale, die die Wirtschaft kontrollieren... Le Pen handelt, um die Mächte des Bösen zu liquidieren, die Frankreich versklaven wollen, so wie sie Palästina und zahlreiche andere Nationen versklavt haben, wie die Vereinigten Staaten, Deutschland, Österreich, die Schweiz, und den Vatikan. .."

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 06. September 2011 um 18:54 Uhr  

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Unter http://www.linkezeitung.de/ erscheint ein linksradikales online Magazin, das zum Teil gute interessante Berichte zum Teil aber auch ziemlich extreme und sektiererische Positionen vertritt.

Ursprünglich entstand das Magazin aus der linken Opposition innerhalb der WASG. Es handelt sich also um diejenigen Leute, die sich nicht mit der PDS vereinigen wollten, weil ihnen die PDS als zu angepasst erschien.

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