Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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 Ist Anders Breivik ein Faschist?

 

Was der inzwischen leider verstorbene Bernd Merling vor einiger Zeit erstmals als "Faschismus 2.0" bezeichnete, ist nun leider beängstigende Wirklichkeit geworden. Das von "Antifaschismus 2.0" erforschte Gemisch aus Verschwörungstheorien, Gewaltphantasien, Geschichtsrevisionismen, rassistischen, sexistischen und neofaschistischen Theorien nahm auf grausame Weise Gestalt an.

 

Strang 1: Die Manifestation eines Konstrukts

 

"Antifaschismus 2.0" (siehe die Inhalte dieser Seite)  untersucht seit einigen Jahren Social Networks, Blogs und Seiten auf strukturellen Faschismus und Strategien der neuen Rechten und wird allzu oft fündig. Zwischen Antiislamismus, Ausländerfeindlichkeit, Fortschrittsfeindlichkeit bishin zur braunen Esoterik spinnt sich das breite Band einer neuen Gemeinschaft, deren Kern eines gemeinsam hat : Er transportiert die Essenz der faschistischen Ideologie.

Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass nicht nur die Gemeinschaft dieser Leute mit der Zeit immer stärker wächst und der Fundus ihrer Theorien größer wird, sondern sich auch ein gewisser pseudojournalistischer, pseudoaufklärerischer Impetus in einem nicht minder pseudowissenschaftlichen Gewand geradezu exponentiell entfaltet.

Zweifelhafte Seiten wie Altermedia, Alles Schall und Rauch oder auch Pi-News gewinnen zunehmend Anhänger, die Anzahl rechtsextremer und verschwörungstheoretischer Posts sogenannter Infokrieger vervielfältigt sich rasant. Im selben Maß wächst die Kritik an der Tätigkeit von Antifaschismus 2.0.

Nun mussten wir in den letzten Tagen miterleben, wie dieses so benannte anscheinend theoretische Konstrukt eines neuen strukturellen Faschismus, bestehend aus eben diesen Komponenten, Gestalt angenommen hat in Form des wahnsinnigen Massenmörders Anders Behring Breivik.

Anders Behring Breivik hat nicht nur inzwischen 76 Menschenleben auf dem Gewissen, er hat uns auch ein Manifest, ein Pamphlet hinterlassen, in dem er uns seine seltsame Sicht der Welt sowie deren Genese erklärt.

Und hier finden wir vieles von dem wieder, was seit einiger Zeit von uns zusammengetragen, recherchiert, in strukturelle Verbindung gesetzt und angeklagt wurde:

Das neue alte nationalistische Weltbild, unterstützt von Islamhass und Ausländerfeindlichkeit, einem reaktionären Sexismus und jeder Menge wirrer Theorien über Verstrickungen, Verschwörungen und Komplotte, die da einige gegen andere aushecken. Einen genauen Überblick über einige der Kombinationen kann sich der Leser bei dem Studium dieser Seite leicht aneignen.

Aber Herr Breivik formuliert nicht nur eben einige dieser Thesen, rekonstruiert nicht nur diese Bündelung einzelner Komponenten des strukturellen Faschismus, nein, er geht einen Schritt weiter.

Woran keiner von uns denken mochte, was keiner von uns befürchtete, trat ein, schneller als man hätte erwarten können, wenn man eine solche Tat ernsthaft in Betracht gezogen hätte.

Anders Breivik zog los, nach etlichen Jahren Blog- und Interneterfahrung, nach der Bildung seiner Ideologie im Internet, so wie es hunderte andere zunehmend tun, verblendet und aufgehetzt von Hasspredigern und Rattenfängern.

Er zog los und zog die harten Konsequenzen aus all diesem gedanklichen Müll, indem er eine Bombe legte, indem er 76 Menschen bestialisch ermordete.

 

Strang 2: Rassismus, Sexismus und ungeschminkter Neofaschismus

 

Neben der Verkleidung des Faschismus in ein bürgerliches Gewand kommt hier, bei Anders Breivik, noch eine zweite Komponente hinzu. Er beschränkt sich in seinen Tätigkeiten nicht auf die geschminkte Version des bürgerlichen Faschismus, er geht einen Schritt weiter, indem er Kontakte zu einschlägigen Organisationen hält, deren Terminologie, Theorien und Analysen übernimmt.

Kurz vor seiner Tat verschickte er sein Pamphlet an diverse rechtsextreme Vereinigungen, darunter etliche deutsche rechtsextreme Vereinigungen.

Eindeutig sind seine rassistischen, nationalistischen Aussagen und sein Beharren auf die Reinerhaltung der westlichen Rasse, sein Wunsch, die westliche Gewalt mit Waffengewalt vom kulturverfremdenden Einfluss des Islam und des Marxismus rein zu halten.

 

 

Strang 3: Weltpolitik, urbane Verrohung und die berühmte Vorbildfunktion

 

"Dieser Kreuzzug, dieser Krieg gegen den Terrorismus wird einige Zeit dauern." (George W. Bush)

 

Verlassen wir für einen Augenblick die Mikroebene und wenden wir uns den globalen Zusammenhängen zu. Schauen wir uns die Weltbühne an.

Anders Breivik begann vor neun Jahren, 2001, mit der Arbeit an seinem „Manifest“. Wir alle wissen, welches Ereignis mit dem Jahr 2001 beschrieben wird.

Und just zu dem Zeitpunkt, an dem ein amerikanischer Präsident unter dem breiten Beifall der Weltöffentlichkeit, untermalt mit Bibelzitaten und beseelt von missionarischem Eifer, den Beginn eines Kreuzzugs gegen den Terror erklärte, fing auch Anders Breivik an, nachzudenken.

Über die Islamisierung der Welt, über die Bedrohung seiner Kultur durch die „Überfremdung“. Vermischt mit rassistischem, nationalem und auch faschistischem Gedankengut fielen bei ihm die Kampfansagen des mächtigsten Mannes der Welt auf fruchtbaren Boden. Auch er, begriff er in diesem Augenblick, muss Gottes Werk vollführen und dafür sorgen, dass die westliche Welt sauber bleibt.

Keine moralische Grenze, keine Instanz hinderte ihn an einem solchen Denken, kein Gewissen regte sich. Die Welt trauerte mit den USA. Und die Welt begriff die Notwendigkeit, diese Bedrohung der westlichen Welt, die schon bald von „Terrorismus“ auf „Islam“ generalisiert wurde, zu bekämpfen. Mit den Mitteln der Wahl, die offenbar auch heute noch das primäre Werkzeug der Politik sind: Krieg, Terror, Folter, Verfolgung.

Anders Breivik erlebte, wie tausender Unschuldiger starben. Er erlebte, wie die USA ganze Länder mit Krieg überzogen, deren Hoheitsgebiete ungefragt verletzten, internationales Recht brachen, Gefangene in US-amerikanische Gefängnisse und Camps schleppten, um sie dort ohne Anklage völkerrechtswidrig zu foltern.

Er erlebte, wie die Welt dies nicht nur tolerierte, sondern sogar begrüßte und dabei behilflich war, die Feinde zu finden. Im sich global verschärfenden Klima, das immer stärker DEN ISLAM als Feind Nummer 1 im Visier hat und völlig undifferenziert Muslime als Bedrohung des Weltfriedens und der westlichen Welt sieht, wuchs in ihm der Wille, ein Krieger Gottes und Norwegens zu sein. Ein Kreuzritter der westlichen Welt im Gefolge der Tafelrunde George W. Bush`s. Das Feindbild manifestierte sich im selben Maß, wie in Anders Breivik der Wahnsinn wuchs.

 

Anders Breivik hält sich allen Ernstes für Unschuldig.

Ist er wirklich wahnsinnig?

Wenn er es ist... was müssen wir dann über die Regierungen sagen, die einer solchen Strategie zugestimmt haben, sie aktiv ausführten, ihr passiv gegenüberstanden? Wiegt deren Wahnsinn weniger schwer, weil es gewählte Volksvertreter waren und sind? Und wie schwer wiegt unser aller Schuld in diesem Zusammenhang?

 

Und damit ist diese Geschichte leider noch lange nicht zu Ende.

Nach dem Unglück, in dem 76 Menschen ihr Leben lassen mussten, demonstrieren die Vertreter der Regierungen, auch der neue amerikanische Präsident, öffentliches Entsetzen, Trauer, Betroffenheit. Ein einzelner Mann hat aus rassistischen Motiven 76 Norweger getötet.

Das scheint weit schwerer zu wiegen als die Taten von Regierungen, die tausende töteten, um eine Handvoll zu erwischen. Die Lügen erfanden, um Krieg zu legitimieren und Bedrohungsszenarien entwarfen, wo es keine Bedrohung gab, um einen Kreuzzug gegen die Finsternis des Islam zu führen.

 

Im Gegenteil. Die amerikanische Regierung nimmt es, genau wie die deutsche, als Legitimation, den Krieg gegen den Terror zu vertiefen und fortzuführen:

 

„Dies ermahnt uns, dass die gesamte internationale Gemeinschaft ein Interesse daran haben muss, diese Art von Terrorismus zu verhindern und wir müssen sowohl bei der nachrichtendienstlichen Aufklärung als auch bei der Prävention dieser schrecklichen Angriffe gemeinschaftlich zusammenarbeiten.“ (Barrack Obama)

Die Gewalt wird also nicht enden. Das Inkaufnehmen unschuldiger Opfer wird nicht aufhören. Die Überwachung und der Einfluss der amerikanischen Staaten und aller Überwachungsapparate aller Staaten werden wachsen, ebenso wie der Krieg und der Terror, der von den USA ausgeht. Dieses Desaster, dieses pars pro toto, hat keine Lehre hinterlassen.

 

 

Persönliches Fazit: Das Bündel

Wir erhalten hier aus drei Strängen politischer und gesellschaftlicher Relevanz ein Bündel, das neben anderen Aspekten individueller Natur einen Menschen beschreibt, der Willens und in der Lage ist, reinen Gewissens zu morden. Im Bewusstsein, dass seine Taten gerechtfertigt, notwendig sind und selbst mit der Einsicht gesegnet, dass sie dennoch grausam waren, hält ihn nichts zurück, diesen Schritt zu tun.

Denn er fühlt sich durchaus im Recht. Sowohl ideologisch als auch politisch, gestärkt durch endlose Hasspredigten und Diskussionen im Internet, bestätigt durch internationale Kriegspolitik und in Kombination mit rechtsextremen Verbindungen, kann es für ihn keinen Anlass mehr geben, irgendeine Art der Schuld zu empfinden.

Anders Breivik sieht sich als gerechten Krieger für eine gute Sache. Er ist mitleidlos, wenn auch empathiefähig, wie seine Aussage über die Grausamkeit der eigenen Handlungen zeigt.

 

Und damit ist er in meinen Augen weder wahnsinnig noch das Opfer irgendeiner Gesellschaft oder irgendeines Umstandes, sondern ein mündiges und verantwortliches Mitglied einer Gesellschaft wie der unseren, in der aus kapitalistischen Wertmaßstäben und Verhältnissen, aus gewaltbetonter und anscheinen alternativloser Kriegspolitik langsam ein bürgerlicher Faschismus erwächst. Dieser Faschismus wird nicht nur genährt durch die unsägliche Verrohtheit internationaler Politik und des Versagens ganzer Regierungen im gesellschaftspolitischen und kriegspolitischen Bereich, sondern auch durch das Wachsen verschiedener Internetgemeinschaften, die sich durch Halbbildung, unsäglich dumme Verschwörungstheorien und ein ungesundes Selbstbewusstsein hervortun. Hinzu kommt der ganz konkrete und eindeutige Einfluss selbst bekennender rechtsextremer Organisationen, durch den Anders Breivik den Mut fand, ganz offen zu Rassismus, Sexismus und Nationalismus zu stehen.

 

Drei Komponenten, die ein Bündel ergeben. FASCIS.

 

Anders Breivik ist der Proto- und Archetyp des ganz normalen bürgerlichen Faschisten, der uns in jedem Land, zu jeder Zeit wieder begegnen kann und an dessen Bedingungen und Wurzeln ein jeder von uns beständig mitarbeitet und beteiligt ist.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 27. März 2013 um 00:15 Uhr  

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Die Junge Nationaldemokraten (JN) wollen das klassische Drei-Säulen-Konzept um die Komponenten "Kampf um Klassenzimmer" und "Kampf um die Hörsäle" erweitern.

 

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