Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Start rechte Strategien und Praxis Vermischtes Pro und Kontra Sarrazin in Frankfurt

Pro und Kontra Sarrazin in Frankfurt

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Transparent_trkisches_VolkshausGerade mal rund 20 Leute waren erschienen, um ihre Zustimmung und Unterstützung für Thilo Sarrazin zum Ausdruck zu bringen. Eine Manifestation für die Meinungsfreiheit hätte es werden sollen, so war es im Social Network "wer kennt wen" (wkw) angekündigt worden. Doch dann kam alles ganz anders.

Rechtsextremistische Portale wie "Gesamtrechts", "politically incorrect" und die NPD riefen neben den Freien Wählern in Frankfurt ebenfalls zu der Pro-Sarrazin-Demo auf. Die Organisatoren wurden wegen der Nähe der geplanten Veranstaltung zu den Rechtsextremisten massiv kritisiert. Und so sagten sie die Demonstration schließlich ab.
Sie distanzierten sich klar und eindeutig von den Rechtsextremisten und erklärten, sie wollten nicht verantwortlich für mögliche Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremisten, Polizei und Demokraten sein.
Sarrazin-Demo-TeilnehmerIn den einschlägigen Diskussionsgruppen in wkw wurden die Organisatoren wegen dieser vernünftigen Entscheidung heftig angegriffen und als "Verräter", "Feiglinge" und "Waschlappen" beschimpft. Jedoch war niemand bereit, selbst die Verantwortung für eine solche Veranstaltung zu übernehmen und als Anmelder und Organisator aufzutreten.
Zugleich wurde immer deutlicher wie stark die Nähe zu Rechtsextremisten war. Durchweg wurde die Teilnahme von NPD und anderen Rechtsextremisten für richtig und gut befunden. Damit positionierten sich die Sarrazin-Befürworter immer stärker rechtsaußen und außerhalb des demokratischen Konsens, wurde diese Entwicklung von Sarrazin-Kritikern kommentiert. "Jedem Demokraten muss klar sein, dass Rechtsextremisten - ob NPD, "Politically Incorrect" oder "Gesamtrechts" - keine Partner zur Verteidigung verfassungsmäßiger Grundrechte wie der Meinungsfreiheit sein können. Wer das nicht sieht, muss sich selbst nach seiner Position zu Verfassung und Grundrechten fragen lassen", erklärte ein Sarrazin-Kritiker in einer anderen wkw-Gruppe, "Den ursprünglichen Organisatoren gebührt Respekt für ihre Distanzierung von den Rechtsextremisten":
Sarrazinanhnger
Während sich am Abend des 9. September 2010  an der Ginnheimer Landstraße also die 20 Sarrazin-Anhänger versammelten, richteten Mitglieder der türkischen Gemeinde ein großes Transparent auf, mit dem sie deutlich machen wollten, dass Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist. "Es ist einfach nur peinlich, dass sich eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sehr viel zum Bruttosozialprodukt in Deutschland beigetragen hat, so beschimpfen lassen muss", erklärte uns einer der Teilnehmer, "Sarrazin beginnt hier einen neuen deutschen Rassismus". "Das ist purer Religionsrassismus", schimpfte eine junge Frau. "Sarrazin hat seine Meinungsfreiheit, er kann sein Buch veröffentlichen und frei verkaufen, aber die Meinungsfreiheit darf nicht so weit gehen, Millionen von Menschen zu diskriminieren", war eine weitere Äußerung eines Teilnehmers. Mit Fahnen "Wir sind gemeinsam stark" machten Demokraten den Gegensatz zu Sarrazins Ausgrenzungspolitik deutlich.
Wir_sind_gemeinsam_starkIm Gegensatz dazu erklärten die Sarrazin - Anhänger, die Presseberichterstattung zeige ja klar und eindeutig, dass wir keine Meinungsfreiheit in Deutschland hätten. Auf die Frage, wie man angesichts der Tatsache, dass Sarrazin sein Buch ja frei verkaufe und die BILD täglich seine Thesen millionenfach unters Volk bringe, von fehlender Meinungsfreiheit reden könne, erwiderte einer der Demo-Teilnehmer: "Wenn man sich die Art und Weise der Berichterstattung ansehe, merke jeder, dass da irgendwas nicht in Ordnung sei".  Immer wieder wurde in unseren Interviews betont, dass man nicht von Meinungsfreiheit sprechen könne, wenn Sarrazin mit dem Verlust seines Jobs bedroht werde.

Gegen 18 Uhr zogen Anhänger und Kritiker Sarrazins in Richtung Bundesbank los. Nur wenige Teilnehmer der Kritiker hatten Fahnen mitgebracht und einige Sarrazin-Anhänger trugen Kerzen.
Ansonsten war es nicht so einfach zu unterscheiden wer nun zu den 20 Anhängern und wer zu den gut 100 Sarrazin-Kritikern gehörte.
Huflein_der_Sarrazin-Anhnger
Nach einigen hundert Metern bildeten Antifaschisten eine Menschenkette quer über die Straße und schützten damit den Zugang zur Bundesbank.

Die Sarrazin - Anhänger sammelten sich am Straßenrand kurz vor der Kette.

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand der hier Anwesenden, dass Sarrazin am selben Abend seinen Rücktritt als Vorstandsmitglied der Bundesbank bekannt gab.

Straensperre

Nachdem sie nicht zu ihren vor der Bundesbank wartenden ca. 10 weiteren Kollegen durchkommen konnten, zogen sie nach kurzer Zeit ab. Auch vor der Bundesbank wurde die "Kundgebung" schon bald abgebrochen.

 

Nachtrag:

Der auf dem 2. Foto von oben abgebildete Teilnehmer hat darum gebeten, ihn unkenntlich zu machen. In seiner Mail teilt er mit: "Mir ist am Anfang der Demo bei zwei Teilnehmern deutlich rechtes Gedankengut aufgefallen, worauf ich mich sofort aus dem Pulk der Kerzenträger entfernt habe."

Obwohl Fotos von Teilnehmern öffentlicher Kundgebungen usw. nach § 23 KUG offen gezeigt werden dürfen, also kein Rechtsanspruch auf Unkenntlichmachung oder Entfernung von Fotos besteht, kommen wir in diesem Fall der Bitte des Abgebildeten nach. Wir wollen damit vermeiden, dass er mit Personen, die rechtes Gedankengut haben, in Verbindung gebracht wird.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 15. September 2010 um 12:16 Uhr  

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